Ostseeküste Watfischen auf Meerforellen – Wie finde ich die beste Stelle?!

entnommen aus dem Buch „Küsten-Strategie – Meerforellen“

Von der Platzwahl hängt im Wesentlichen der Fangerfolg ab. Im Großen und Ganzen bestätigt sich die folgende Gleichung immer wieder:

Fangerfolg

= 70% Platzwahl
+ 20% gute Köderpräsentation
+ 10% richtige Köderwahl

Über die Prozentwerte kann man trefflich streiten, aber die grundsätzliche Gewichtung wird Bestand haben. Mit der Auswahl der richtigen Strände optimieren Sie am ehesten den Fangerfolg.
Es lohnt sich nicht, mehrere "Kilogramm" Blinker und Wobbler mitzuschleppen.

 

Fangerfolg und Platzwahl

 © NorthGuiding.com

Bevor man sich nämlich am nächstgelegenen Strand wiederfindet und den ersten Tag mit einer „Nullnummer“ beendet, macht es Sinn, sich gut zu überlegen, welchen Platz man zuerst ansteuert.

Aber wie geht man in einem neuen Revier am besten vor?!

Lassen Sie uns eine typische Situation durchspielen:
Vier Angelfreunde fahren in der zweiten Märzhälfte erstmals nach Bornholm. Alle haben schon ein bisschen Erfahrungen und haben die eine oder andere Meerforelle bereits überlisten können. Sogar zwei Fliegenfischer haben wir mit in der Gruppe. Nach einer weiten Anreise ist Bornholm und bald auch das Ferienhaus erreicht.
Ein frischer West-/Nordwest-Wind weht seit einigen Tagen und die Lufttemperatur erreicht knapp 10°C. Die Wassertemperatur liegt im Schnitt bei knapp 4°C. Die Jungs sind im Südosten der Insel in einem typischen Ferienhausgebiet untergebracht und sitzen nun am Tisch und schauen auf die Bornholmkarte. Die Insel ist nicht klein, die
Küstenlinie lang und man fragt sich, wo am morgigen Tag ein guter Start hingelegt werden könnte. Soll es gleich einmal in die Salene Bucht gehen oder soll lieber ohne große Fahrerei am „Hausstrand“ der Einstieg gefunden werden?!

 

Frage 1: Was legt die Jahreszeit nahe?

Der März kann noch sehr kritisch sein, denn er schwankt häufig zwischen dem Winter und dem Frühjahr. Die Wassertemperatur liegt mit 4°C in einem Bereich, wo die Frühjahrsfischerei erst so langsam beginnt. Auch das Nahrungsangebot ist noch überschaubar. Erst einmal bieten sich Küstenabschnitte oder Buchten an, die etwas
flacher sind und die Chance für die Meerforelle etwas höher liegt, Nahrung zu finden.
Die Jungs am Tisch entscheiden sich dafür, den Nordteil der Insel mit seiner Felsenküste und dem tiefen Wasser für morgen nicht in Betracht zu ziehen.

 

Was legt die Jahreszeit nahe?

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Frage 2: Wie ist die Situation bzgl. der Wassertemperatur?

Im Schnitt liegt die Wassertemperatur um 4°C.
Aber gerade um Bornholm kommt es im Frühjahr an den verschiedenen Inselseiten zu spürbaren Temperaturunterschieden.
An der gesamten West- und Südseite sollen die Wassertemperaturen bei 3°C bis 4°C liegen. Der Wind kommt weiterhin mit 5 Windstärken aus West-Nordwest. Vor der Südostseite der Insel zeigt sich aber ein großer Bereich mit einer Wassertemperatur von ca. 5 Grad. Der Temperaturunterschied von 2°C kann um diese Jahreszeit einige
Bedeutung haben. Also die Südostspitze scheint schon einmal ganz interessant zu sein.

 

Frage 3: Welche Nahrung wird bei der Meerforelle aktuell im Fokus stehen?

Das Nahrungsangebot im Küstenbereich ist noch sehr überschaubar.
Die großen Überspringer jagen im Bornholmer Becken die Brislinge und treffen dabei auf die großen Ostseelachse. Die Überspringer kommen noch am ehesten in die Küstengewässer, wo tiefes Wasser nicht weit weg ist.
In den Tangwäldern finden sich reichlich Tangläufer, die auch bei diesen kalten Wassertemperaturen unterwegs sind. Den Garnelen ist es noch ein bisschen zu kalt und so verharren die meisten noch im tieferen Wasser. Die ersten Sandaale sind aber aktiv und pendeln in kleinen Schwärmen zwischen dem tieferen Wasser und den küstennahen Bereichen. Viel mehr Nahrung bietet sich den Meerforellen noch nicht.
Die Spinnfischer werden also mit schlanken Blinkern, die den Sandaal imitieren, starten. Die Fliegenfischer schwanken zwischen Tangläufer-Fliege und der Polar-Magnus.

 

Frage 4: Was lässt sich aus der Wind- und Wettersituation ableiten?

Wieder wird auf die Übersichtskarte von Bornholm geschaut. Ein Kugelschreiber wird, in Windrichtung ausgerichtet, auf die Karte gelegt.
Also wir haben schon einige Tage den West-Nordwest-Wind mit einer stabilen Welle auf die West- und Südküste. Die Welle kann vor Bornholm überraschend hoch und kräftig sein.
Klar ist, dass entlang der Südküste eine spürbare Strömung entstanden sein muss, die in östliche Richtung führt. Die Südostspitze der Insel verursacht einen Landeffekt, der Welle und Strömung leicht nach Nordost umlenkt.

 

Wind- und Wettersituation

 © Heiko Döbler

 

Frage 5: Welche Angelplätze versprechen Erfolg?

Welche Plätze sollen nun am morgigen Tag angesteuert werden. Die Diskussion ergibt, folgende Strategie:

• Am Morgen soll am Hausstrand (Broens Odde / Südost-Seite) der erste Versuch gestartet werden, um noch schnell im
  Ferienhaus frühstücken zu können.
• Als zweites soll es an die Südküste gehen – Sose Odde oder Flughafen.
• Der Tagesabschluss soll nach Svenske Hafen führen (Südostseite Bornholms, aber nördlicher gelegen als der erste Platz).

Um 7:00 morgens steht die Gruppe gemeinsam am Strand von Broes Odde. Die Wassertemperatur wird mit 4°C gemessen. Es wird bis 9:30 gefischt und der Fliegenfischer kommt zurück zum Parkplatz mit zwei schönen Grönländern. Die Tanglopper-Fliege hat gleich einen guten Start hingelegt.
Am Flughafen angekommen, blies den Jungs eine kräftige Brise auf der hohen Steilküste entgegen und von unten konnte man die auflaufende Brandung deutlich hören. Für die Fliegenfischer sah es schwer aus, aber sie wollten zumindest in der nächsten Stunde den Spinnfischern eine Chance einräumen. Es waren Spinnköder von mindestens 25 g erforderlich, um „durch den Wind“ zu kommen.
Nach einer halben Stunde gab es einen kräftigen Anfasser, aber der Fisch verabschiedete sich mit ein paar Kopfschlägen nach wenigen Sekunden.

 

Welche Angelplätze versprechen Erfolg?

 © NorthGuiding.com

Im Laufe des Nachmittags ging es dann an die Ostküste, um bei Svenske Hafen einen Versuch zu starten.
Bis zum frühen Abend fischte die Gruppe und es konnten zwei weitere Fische überlistet werden. Die Runde war sich einig, dass hier am nächsten Tag ein weiterer Versuch gestartet werden soll, denn der Platz war mit einer Wassertemperatur von 4,5°C und einer noch spürbaren Strömung viel versprechend.

 

Welche Angelplätze versprechen Erfolg?

 © NorthGuiding.com

Na klar, nicht jeder erste Tag in einem neuen Revier führt gleich zu einem Erfolg. Wichtiger ist aber, dass dieses reale Beispiel dazu verhelfen soll, die zentralen Grundüberlegungen zu verdeutlichen, die zu einer guten Platzwahl verhelfen können.
Es macht auch viel Sinn, nicht nur eine sondern zwei bis drei Stellen am Tag zu probieren. Ist ein Angelplatz dabei, der eine grundlegend andere Küstenlinie oder auch eine andere Windsituation hat, kann dies auch sehr hilfreich sein. Denn es gibt beim Meerforellenangeln immer wieder Überraschungen.
Aber Sie sollten jedem Platz eine Chance geben und 2 - 3 Stunden in ihn investieren, um diesen Platz kennen zu lernen und ggf. verschiedene Strategien auszuprobieren. Ein hektischer und zu häufiger Platzwechsel führt selten zum Erfolg und geht im Zweifel zu Lasten des Selbstvertrauens in die richtige Platzwahl.
Auch der Ansatz, nahezu den ganzen Tag an einem Angelplatz zu verweilen, hilft Ihnen nur sehr begrenzt weiter das Revier und die lokalen Gegebenheit vernünftig einschätzen zu lernen.

 

Was legt die Jahreszeit nahe?

 © NorthGuiding.com

Der sich aus solchen Überlegungen und den sich einstellenden Erfolgen ergebende Erfahrungsschatz ist es, der das erfolgreiche Meerforellenangeln letztendlich ausmacht.
Die Überlegungen werden mit der Zeit immer sicherer bis sich vielleicht sogar ein richtiger „Riecher“ entwickelt. Es fällt dann auch immer leichter diese Erfahrungen auf neue Reviere oder auch Situationen zu transferieren, so dass hier sehr schnell der Reiz des Neuen überwiegt, anstatt jahrelang immer den gleichen Küstenstreifen anzufahren.
Kein Fangerfolg ist schöner als der, der durch eigenständige Überlegungen entstand. Der zentrale Punkt ist, dass Sie sich aktiv Gedanken machen und nicht zum Automatenangler werden, der einfach eine beliebige Küstenlinie abarbeitet.

Michael Zeman & Heiko Döbler

 

Möchten Sie mehr über das Thema Küstenfischerei / Meerforellen wissen? In dem Buch „Küsten-Strategie – Meerforellen“ finden Sie eine umfassende Beschreibung dieser spannenden Fischerei und noch viel mehr Informationen, welche Einflüsse bei der Strandwahl zu berücksichtigen sind.

Küsten-Strategie - Meerforellen