Das Leben in der Ostsee – Ein Wintertauchgang

von Sven Gust (www.northern-explorers.com)

In der kalten Jahreszeit gehört schon etwas Glück dazu einen guten Tauchtag an der Ostsee zu verbringen. Maßgeblich ist erst einmal der Wind in Stärke und Richtung: Leichte Westwinde machen die Taucher in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern glücklich, starke Ostwinde dementsprechend nicht. Sollte man dann noch Sonnenschein an dem Tag der Wahl haben können die Tauchgänge zu einem echten Erlebnis werden!
Sowohl an tiefen Wracks, als auch bei flachen Strandtauchgängen habe ich zwischen Dezember und Februar Sichtweiten von gut 20 Metern erlebt, mindestens 10 Meter sollte man fast immer vorfinden (wie schon gesagt muss aber das Wetter mitspielen!).
Das Unterwasserleben befindet sich allerdings zum großen Teil im Winterschlaf. Viele der Tierchen die man im Sommer an einem bestimmten Tauchplatz zu Gesicht bekommt sind nun unauffindbar. Teilweise sind die Fische und anderen Meeresbewohner in tieferes Wasser abgewandert, teilweise überwintern sie aber auch im Sand, oder Schlamm eingegraben, oder in kleinen Spalten zwischen Steinen und Geröll. Gerade in Steinfeldern, oder an Wracks tauchen dann aber nachts viele Fische doch auf. Besonders Seeskorpion, Dorsch und Steinpicker scheint das eiskalte Wasser nicht zu stören, ganz im Gegenteil: Diese Fische laichen in den Monaten Januar bis Mai, damit die frisch geschlüpften Larven von dem reichen Nahrungsangebot im Frühjahr und Sommer profitieren können. Auch der Seehase, für Ostseetaucher ein echter Saisonfisch, lässt sich in den Monaten April und Mai kurz an geeigneten Plätzen blicken. Hier haftet das größere, dunkel gefärbte Weibchen die Eier in ein „Nest“ auf den harten, festen Untergrund (Steine, Wrackteile, Spundwände und Brückenpfeiler) und das rötliche Männchen bewacht anschließend das Gelege, während es ihm zudem ständig frisches Wasser mit den Brustflossen zufächert. Der absolut friedliche, etwas plump wirkende Fisch muss sich dann manchmal von rücksichtslosen Tauchern so einiges gefallen lassen. Manche machen sich sogar einen Spaß daraus den Fisch in die Hände zu nehmen um für ein Foto zu posieren, ziemlich unangebracht wenn man bedenkt das der wehrlose Fisch ungeheuren Mut aufbringt und seinen Nachwuchs zu schützen versucht. Er drängt dann seinen Körper immer wieder zwischen Taucher und Gelege und weicht nicht von der Stelle.

 

Tauchen mit Northern Explorers

© Sven Gust

Tauchen mit Northern Explorers

© Sven Gust

 

Wenn ein Meer vereist......

Im Dezember beträgt die Wassertemperatur in den küstennahen Bereichen gewöhnlich 5 bis 7°C. Im Februar sind es dann gerade noch 1 bis 3°C und Häfen und ruhige Buchten sind von einer Eisdecke überzogen. Im südwestlichen Teil der Ostsee finden wir natürlich nicht die geschlossene, dicke Eisdecke wie sie den nordöstlichsten Teil für fast sechs Monate im Jahr überzieht und die finnischen Anwohner statt mit dem Boot nun mit dem LKW die kleinen Felseninseln im Finnischen Meerbusen versorgen.
Die Eisdecke in den leeren Sportboothäfen an der Ostsee in Norddeutschland und Süddänemark trägt nur in besonders harten Wintern sicher Personen und ist nicht sehr beständig. Das liegt einerseits an den relativ gemäßigten Temperaturen durch den Golfstromeinfluss, andererseits natürlich auch an dem höheren Salzgehalt des Wassers. Der Winter ist auch die Jahreszeit, in der die Ostsee den größten Wasseraustausch mit dem Leben spendenden Seewasser der Nordsee über den Skagerrak und Kattegat erfährt. Der Eintrag an Süßwasser ist nun geringer und schwere Winterstürme aus nordwestlichen Richtungen drücken das salzhaltige Wasser über die flachen Schwellen und durch die schmalen Sunde in die Ostsee. Dann blüht das Leben manchmal regelrecht auf und viele Tierarten dringen weiter östlich vor als normal. Im Frühjahr, mit der Schmelze, „versüßen“ dieses neu erschlossenen Bereiche dann oft wieder und robuste Süßwasser- und Brackwasserfische erobern die uneingeschränkte Herrschaft zurück.

 

Wenn ein Meer vereist

© Sven Gust

 

Ein Tauchbericht

Wir waren im Dezember im Bereich der Lübecker Bucht und östlich davon tauchen. Die Strandtauchplätze hier sind sehr flach und bei stärkerem Wellengang sollte man nicht ins Wasser gehen. An vielen Stellen wechseln sich Seegraswiesen mit Steinen und Sandflächen ab. Die Wassertemperatur betrug mitten im Dezember 6°C und die Sichtweiten lagen um 15 Meter. Die Seegraswiesen waren noch teilweise recht intakt, jedoch fehlten typische Bewohner wie die verschiedenen Grundeln und Schlangennadeln fast vollständig.
Auf den von Miesmuscheln bewachsenen Steinen befanden sich an den Tauchplätzen am Westufer der Bucht viele Nacktschnecken. Nur wenige Kilometer weiter östlich fand ich keine einzige, obwohl der Lebensraum identisch wirkte. Leider waren die Schnecken noch immer kaum 15mm groß, was mir mit meinen eingeschränkten technischen Möglichkeiten erhebliche Schwierigkeiten bereitete ein halbwegs gebrauchbares Foto zu machen.
Als es bereits um 17 Uhr stockfinster war machten wir einen Nachttauchgang an einem sehr flachen Trümmerfeld nahe der Tauchbasis am Timmendorfer Strand. Die Maximaltiefe betrug 4 Metern, dennoch trafen wir auf enorm viel Leben. In nur zwei Metern Tiefe fanden wir z.B. die größte Flunder die ich jemals gesehen habe (im Nachhinein muss ich wohl zufügen: ....bis zu diesem Zeitpunkt) mit einer Länge von etwa 45 Zentimetern im weißen Sand eingegraben. Am Trümmerfeld selbst dominierten Strandkrabben, Dorsche und Seeskorpione das Geschehen. Miesmuscheln und Seesterne waren eher unscheinbare Statisten, Garnelen und Grundeln huschten im Lichtkegel umher.
Anemonen und Seenelken gibt es hier nicht: Strömung und Salz fehlen. Weiter nördlich, um Fehmarn, findet man dafür an den Wracks in etwa 20 Metern Wassertiefe den üppigsten Seenelkenbewuchs der ganzen Ostsee! In diesem speziellen Biotop verändern oft schon wenige Kilometer die Lebensbedingungen so stark, dass eine bestimmte Art nicht mehr existieren kann, die 30 Autominuten entfernt noch in Kolonien auftritt.

Am nächsten Tag tauchten wir an einer Sandbruchküste westlich von Boltenhagen. Hier fischten viele Angler auf Meerforelle, was aufgrund des abwechslungsreichen Meeresbodens nicht verwunderlich ist. Der lachsartige Fisch dürfte hier reichlich Nahrung finden. Bei unseren Tauchgängen sahen wir zwar kaum Fische, allerdings dürfte sich das im Sommer ändern. Aufgrund der extrem guten Sicht von fast 20 Metern zähle ich aber die Tauchgänge dennoch zu meinen schönsten Ostseetauchgängen überhaupt!
Das Ufer fällt sehr flach ab und man kann keine zweistelligen Tiefen erreichen. Dafür wechseln sich große Steinbrocken, Geröllfelder, weißer Sand und üppiges Seegras ab und bilden eine herrliche Landschaft für einen entspannten Flachtauchgang. Leider konnten wir keinen Tauchgang mehr in der Dunkelheit machen, weshalb ich nicht genau sagen kann was es hier nachts an Fisch zu sehen gibt. Mit Sicherheit Flundern, Seeskorpione, Dorsche und Grundeln.

Übrigens ist natürlich auch die alte Hansestadt Lübeck einen Besuch wert wenn man in der Gegend taucht! Im Dezember lockt zudem der schöne Weihnachtsmarkt (vielleicht auch der Glühwein?!) Scharen von Schweden und Dänen an. Auch hier lohnt sich ein Besuch, selbst wenn auch ich als Nordlicht über den teilweise eisigen Charme der Menschen hinter den Tresen etwas überrascht war.

 

Ein Tauchbericht

 © Sven Gust

www.northern-explorers.com

 

Und hier noch ein interessantes Video von einer schönen Meerforelle nachts in einem Seegrasfeld: